20/08/2026 0 Kommentare
Entwidmung von Kirchen: Mutmachendes Beispiel aus Hillartshausen
Entwidmung von Kirchen: Mutmachendes Beispiel aus Hillartshausen
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Entwidmung von Kirchen: Mutmachendes Beispiel aus Hillartshausen
Die Entscheidung ist gefallen: Eine Kirchengemeinde trennt sich schweren Herzens von einem Kirchengebäude, weil sie es nicht mehr unterhalten kann. Wie nimmt die Gemeinde das auf? Wie kann der Abschied würdevoll gestaltet werden? Und was wird dann aus der entwidmeten Kirche? Wir stellen an dieser Stelle ein mutmachendes Beispiel aus dem Kirchenkreis Hersfeld-Rotenburg vor: die Kirche in Hillartshausen.

Warum das Beispiel Hillartshausen?
“Ist unsere Kirche überhaupt für ein Best-Practice-Beispiel geeignet?” Pfarrerin Ann-Cathrin Fiß war sich zu Beginn des Gesprächs, das Christoph Baumanns und Silke Bremer mit ihr geführt hatten, nicht sicher, ob Hillartshausen wirklich beispielhaft für andere Kirchengemeinden sei. Die Bedenken erwiesen sich aber als unbegründet: Zum einen muss für jede Kirche, die zu Verkauf steht, eine individuelle Lösung gefunden werden; zum anderen hat die Schilderung des Wegs für alle, die vor einer vergleichbaren Aufgabe stehen, einen erkennbaren Mehrwert.
Die Situation vor Ort

Die Ev. Kirchengemeinde am Dreienberg Friedewald besteht neben dem Ort Friedewald aus den Ortsteilen Lautenhausen, Hillartshausen und Motzfeld; jeder verfügt über eine eigene Kirche. Ca. 180 Einwohner*innen leben in Hillartshausen, von denen die Hälfte noch in der evangelischen Kirche sind, ca. 20 davon über 80 Jahre alt. Es gibt kaum noch aktives Gemeindeleben.
Die nach dem 1. Weltkrieg gebaute Dorfkirche wurde nur noch als Sommerkirche genutzt.
Von der Entscheidung bis zur Umnutzung: die Phasen des Prozesses
Kommunikation
In einer Gemeindeversammlung wurde transparent gemacht, dass die Gebäudeerhaltung bei der Kirchengemeinde liegt. Es gab ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass es für die abnehmende Zahl der Gemeindeglieder zu viele Kirchen in der Kirchengemeinde gab. In den lokalen Medien wurde dies aufgegriffen.Entwidmung
In einem Gottesdienst wurde würdevoll von dem Kirchengebäude Abschied genommen. Die Liturgie, die laut der Pfarrerin ein “Best of” verschiedener Agenden war, steht nebenan zum Download bereit.
Pröpstin Sabine Kropf-Brandau schloss mit den Worten: “Die Kirche ist keine Kirche mehr” und die Tür wurde verschlossen.
Damit war der Weg frei für den nächsten Schritt: die Ausschreibung.
Ausschreibung
Eine Ausschreibung musste öffentlich erfolgen, u. a. über viele Kleinanzeigen. Im Rückblick sagt Ann-Cathrin Fiß zu der herausfordernden Zeit: “Ich war meine eigene Maklerin.” Ein symbolischer Verkaufswert ("1 Euro") war nicht erlaubt, aber ein exorbitanter Verkaufserlös war auch nicht zu erwarten. Schließlich ist das Gebäude denkmalgeschützt und verfügt über keine Zuwegung.Umgang mit Interessent*innen
Heiß und kalt wurde es der Gemeindepfarrerin, als dass Höchstgebot von einer Referentin einer AfD-Bundestagsabgeordneten kam. Natürlich hätte die Kirchengemeinde auch ohne Angabe von Gründen den Verkauf ablehnen können; dies hätte aber sicherlich einen Konflikt provoziert. Und so fügte es sich, dass durch andere Umstände das Objekt für die Bieterin unattraktiv wurde: Die potenzielle Käuferin wollte unbedingt auch den Fußweg zur Kirche kaufen; der gehört allerdings der politischen Gemeinde Friedewald. Die Gemeinde lehnte aus rechtlichen Gründen den Verkauf ab, da öffentliche Wege nicht an Privatpersonen verkauft werden können.Umgang mit Kunstgegenständen
Kunstgegenstände, die sich in der Kirche befanden, brauchten ein neues Zuhause. Der Umzug der Vasa Sacra in das Dorfgemeinschaftshaus, wo künftig Gottesdienste stattfinden werden, war die einfachste Übung. Aber wohin mit dem frühgotischen Taufstein und frühgotischen Altarplatte? Wohin mit der Orgel? Taufstein und Altarplatte stehen nun gut überdacht in der Wasserburgruine Friedewald und die Orgel konnte an eine Kirchengemeinde in der weiteren Nachbarschaft verkauft werden. Und die Glocken? Der Heimatverein und der Ortsbeirat setzten sich dafür ein, dass die kleine Glocke künftig auf dem Friedhof läutet.Und die Gemeindeglieder? Die Dorfgemeinschaft?
Die Einsicht, dass die Kirche nicht mehr zu halten war, war im Ort gewachsen. Trotzdem war es für viele ältere Menschen, die zum Teil die Kirche in der Nachkriegszeit in Eigenleistung aufgebaut hatten, ein schwerer Weg. Ann-Cathrin Fiß führte viele Einzelgespräche, in denen der Trauer Raum gegeben wurde.
Bemerkenswert fand die Pfarrerin, dass diese besondere Situation die Menschen vor Ort zusammenschweißte; es wurde z. B. eine Lösung für die Anschlussverwendung der Glocke gefunden. Es wurden Energien freigesetzt und "und es ging jetzt auf einmal etwas”, so Fiß.

Und was wurde nun aus der ehemaligen Kirche?
Der Käufer, der aus dem Ort stammt und das Gebäude für 15.000 Euro erwarb, baut die ehemalige Kirche als Wohnung um.
Was sagen die anderen Beteiligten?
Das Bild, das wir zeichnen, wäre nicht komplett, wenn wir nicht den Kirchenvorstand - und natürlich auch den Käufer - zu Wort kommen lassen würden. Wie sind Ehrenamtliche in den Prozess eingebunden? Und wie “verrückt” müssen Menschen sein, eine Kirche zu kaufen?
Andrea Göbel, Mitglied im Kirchenvorstand: „Geht nicht ist ein Mangel an Phantasie!“
„Sehr viele Menschen kamen zum Entwidmungsgottesdienst am 23. August 2025. Das war eine bewegende Stunde in der Kirche von Hillartshausen“, berichtet Andrea Göbel, 52, stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstands der Kirchengemeinde Dreienberg-Friedewald, zu dem der Ort Hillartshausen gehört: „Wir haben uns sehr früh mit dem Gebäudestrategieprozess und der damit verbundenen Ampel-Aufteilung der Gebäude beschäftigt. Es war klar, dass wir nicht das Geld dafür haben, die Kirche von Hillartshausen wieder in Schuss zu bringen. Sie wurde also zu einer rot-gekennzeichneten Kirche, einer Kirche, von der wir uns so schnell wie möglich verabschieden müssen.“

Was sich auf der Oberfläche so locker sagt, ist selbstverständlich nicht locker, sondern geht ans Eingemachte. „Wir wollen das Gebäude loswerden, aber nicht die Gemeinde. Für dieses Thema nahmen wir uns viel Zeit, sprachen früh und offen die damit verbundenen Gefühle und Schwierigkeiten an. Wir hielten auch eine Gemeindeversammlung ab, die sehr gut besucht war, und stellten uns der Diskussion. Pfarrerin Ann-Cathrin Fiß besuchte zudem die Mitglieder des in der Gemeinde sehr engagierten Seniorenkreises, um die Entscheidung für den Verkauf zu erklären. Überhaupt hat unsere Pfarrerin mit ihrer Strukturiertheit, Planungsweitsicht und Kommunikationsfähigkeit wesentlich mit dazu beigetragen, dass die Entscheidung für den Verkauf und der Verkauf selbst so gut gelaufen sind!“
Jetzt ist die Kirche keine Kirche mehr im kirchenrechtlichen Sinn. „Aber sie bleibt in der Dorfmitte und verrottet nicht, im Gegenteil: Jan Müller, davon sind wir überzeugt, wird ein gutes Gebäude daraus machen. Und für unsere Gemeindeaktivitäten haben wir das Dorfgemeinschaftshaus.“ Auch eine schöne Geschichte: „Von den beiden Glocken wird die große verkauft. Die kleine haben wir an den Heimatfreunde-Verein verschenkt. Die bauen nun auf dem Friedhof einen kleinen Glockenturm und die Einweihung wird als gemeinschaftliches Dorffest geplant.“
Andrea Göbel ist eine unternehmerisch denkende und handelnde Frau. Sie und ihr Mann betreiben die Göbel Hotelgruppe und leiten selbst das Schlosshotel „Prinz von Hessen“ in Friedewald. Wenn sie auf den Verkaufsprozess der Kirche zurückschaut, so bedauert sie vor allem, dass zur Arbeitskultur der amtlich Beteiligten kein „einfach machen“ gehört: „Für mich ist die Haltung ‚das geht nicht‘ ein Mangel an Phantasie. Andersherum denken, freier denken und Mut haben, etwas anders zu machen: Das bringt uns in einem solchen tiefgreifenden Prozess weiter.“
Jan Müller, der Käufer: „Ein total spannender Bau!“
„Eine Kirche kaufen und umbauen“: Das hört sich so groß an, dass der Gedanke naheliegt, doch besser die Finger davon zu lassen. Aber gerade die Finger sind im übertragenen Sinn Müllers ganz große Stärke. Der gelernte Schreiner und Forstwirt hat viele handwerkliche Fähigkeiten und eine große Lust am Bauen und Konstruieren. Das ist gleich ein starker Eindruck: Was Jan Müller anpackt, packt er mit Gestaltungsfreude an. Die wird der 36-Jährige auch brauchen – und eine große Portion Geduld, wenn er die Kirche zu einem Einfamilienhaus machen will. Denn das ist sein Ziel.

Müller ist in der Gemeinde Friedewald aufgewachsen und lebt dort seit seiner Kindheit. Sein Vater kaufte 1989 das ehemalige Küsterhaus direkt neben der Kirche in Friedewald. Dort wohnte Jan Müller gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester. Diese besondere Nähe zur Kirche hat ihn geprägt und ist einer der Gründe für seine bis heute anhaltende Faszination für Kirchengebäude.
Vor rund zehn Jahren zog Müller gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin nach Hillartshausen, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Friedewald mit etwa 170 Einwohnern. Als sich das Paar trennte, wollten beide weiterhin gemeinsam für ihre vierjährige Tochter da sein. Deshalb suchte Müller ein neues Zuhause in der Nähe des bisherigen Familienhauses. Gleichzeitig war es in dem kleinen Ortsteil schwierig, passenden Wohnraum zu finden. Dann hörte er vom geplanten Verkauf der Kirche.
Beruflich arbeitet Müller im Fachbereich Ordnungsdienste in der Verwaltung der Kreisstadt Bad Hersfeld. Seine handwerklichen Erfahrungen aus der Ausbildung zum Schreiner und seine praktische Erfahrung als Forstwirt helfen ihm nun bei seinem besonderen Vorhaben.
Jan Müller: „Das ist ein total spannender Bau von 1925, ein Sonderbau, nichts von der Stange! Dieses Kulturdenkmal reizt mich sehr. Welche Ideen kann ich umsetzen? Was muss ich in dem denkmalgeschützten Gebäude beachten? Wie schaffe ich ein schönes Zuhause, in dem sich auch meine Tochter wohlfühlt, wenn sie bei mir ist?“
Müller möchte unter anderem eine Zwischendecke einziehen und die Fenster teilweise bis zum Boden verlängern. Manchmal hadert er mit der Zeit, die die Abstimmungen mit der Denkmalschutzbehörde in Anspruch nehmen. Besonders bedanken möchte er sich aber bei Pfarrerin Ann-Cathrin Fiß: „Sie hat den gesamten Verkaufsprozess hervorragend begleitet, sich um alles gekümmert und die Abläufe sehr gut und schnell organisiert. Ohne ihr großes Engagement wäre vieles sicherlich nicht so reibungslos gelaufen.“
Die Wartezeit bis zum eigentlichen Umbau nutzt Müller, um bereits Baumaterial zu besorgen – etwa eine Dachbodendämmung oder andere gebrauchte Baustoffe, wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet. Und er fiebert dem Moment entgegen, an dem er endlich mit der Umsetzung seiner Ideen beginnen kann.
Hier finden Sie den Text mit dem Download-Angebot "Liturgie Entwidmung Kirche Hillartshausen" (und mehr Bildern;-)) auf unseren Intranet-Seiten Iunia ...
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Text: Silke Bremer, Christoph Baumanns (Göbel, Müller)
Fotos: Wilfried Apel, Kirchengemeinde
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